Interview von Anke Vetter mit Renate Graziadei im Mai 2004 zum Projekt "Was ist Tanz?" von fetter Engel e.V.


"Tanz ist ein anderer Ausdruck, ein anderer Weg, zu kommunizieren."

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A.V.: "Was ist Tanz?"


R.G.: "Tanz ist Vieles, aber ich glaube vor allem ist es eine Art Ausdruck von Menschen in jeglicher Form. Menschen, die in die Disko gehen oder Leute, die Gesellschaftstanz tanzen oder auch auf der Bühne. Das ist eine Art zu kommunizieren und sich auszudrücken."


A.V.: "Das heißt jeder kann tanzen?"


R.G.: "Ja, im Grunde genommen ja."


A.V.: "Heißt das alles ist Tanz?"


R.G.: "Nein, alles ist Bewegung. Jein, also Vieles ist Tanz, ich glaube es gibt ein bisschen einen Unterschied. Laufen ist für mich nicht unbedingt Tanzen."


A.V.: "Wo ist der Unterschied zwischen Bewegung und Tanz?"


R.G.: "Es hat zum einen etwas mit einem gewissen Rhythmus zu tun oder auch mit der Energie, die freigesetzt wird, oder die aufgezeigt wird."


A.V.: "Wie würdest du das für dich unterscheiden? Wann bewegst du dich, wann tanzt du? Gibt es da für dich eine klare Trennung zwischen: du gehst, und jetzt ist das Gehen Tanz? Ab wann passiert die Entscheidung für dich?"


R.G.: "Das ist eine schwierige Frage. Wenn ich gehe, dann gehe ich, und wenn ich mich mit meinem Körper bewege, dann fängt es an Tanz zu werden."

A.V.: "Hat das was mit einer bewussten Entscheidung zu tun oder passiert dir das auch zum Beispiel in der Küche?"


R.G.: "Es kann mir vielleicht in der Küche passieren, wenn ich vielleicht irgendetwas zeigen würde, oder irgendwie in eine Emotion rein komme oder in eine Situation, also es ist nicht unbedingt immer eine klare Entscheidung."

A.V.: "Tanz ist Ausdruck?"


R.G.: "Ja, glaube ich. Tanz ist ein anderer Ausdruck, ein anderer Weg, zu kommunizieren. Wenn Leute in der Disko tanzen gehen, ist das ja hauptsächlich um irgendwie mit jemand Anderem oder mit Anderen gemeinsam zu kommunizieren, in Kontakt zu kommen, oder einen Austausch zu haben, in welcher Form, wie nah oder was auch immer; das ist jedem selbst überlassen. Aber ich glaube, sobald du irgendwie in den Raum, vor allem wenn du in den öffentlichen Raum gehst, teilst du den Raum und dann wird es automatisch eine Kommunikation, die dein Körper spricht. Ob das jemand so versteht, wie du das vielleicht rein gibst, das ist eine andere Frage, aber auf jeden Fall, wenn du Leute beobachtest, und sie tanzen, dann kann dir das irgendetwasüber die Personen erzählen und dadurch kann es eine Kommunikation werden, wenn ich mich auf die Personen einlasse."

A.V.: "Wenn du tanzt, im Training oder in einer Probe, geht es da auch immer um diese Kommunikation?"


R.G.: "Nein, im Training geht es darum, dass ich meinen Körper dazu kriege, dann zu kommunizieren, wenn ich kommunizieren will, wenn ich jemandem etwas mitteilen möchte mit der Bewegung, oder jemandem etwas klar machen will. Aber im Training selber trainiere ich meinen Körper, dass ich überhaupt die Möglichkeit habe, zu kommunizieren, in der Ästhetik, die ich für mich entscheide, die mir wichtig ist. Nur um das zu klären: ich tanze auch im Training, weil ich mich mit Bewegung in einer gewissen Form auseinandersetze. Also das ist für mich genauso Tanz, wie wenn ich versuche mit Tanz zu kommunizieren. Also deshalb die Frage 'Was ist Tanz?' finde ich eine komplexe und schwierig zu beantwortende Frage. Wie gesagt, Tanz kann jegliche Art von Form einnehmen. Je konkreter eigentlich eine Bewegung für mich ist, oder sie eine Klarheit hat, was ich damit will, dann mü�sste ich eigentlich in der Lage sein, das auch jemandem Anderen zu kommunizieren. Für mich ist es nicht einfach das: Renate macht eine Armgeste. Das hat eine gewisse Aussage, aber wieso ich das mache, ist dann vielleicht eher die Frage, also was will ich damit? Also jegliche Art von Bewegung vom Körper kann eine Aussage haben, nur muss ich mir klar werden, was ich damit aussagen will. Beantwortet das die Frage?"


A.V.: "Was bedeutet das für dein Training? Was brauchst du, um dich für diese Kommunikation vorzubereiten? Das ist ja nicht einfach Muskeltraining, oder?"


R.G.: " Ich möchte meinen Körper einfach soweit kriegen, dass ich jegliche Art von Möglichkeit habe, damit zu kommunizieren, sprich: dass meine Gelenke funktionieren, dass meine Muskeln funktionieren, wenn ich sie brauche; also dass ich meinen Körper gebrauchen und einsetzten kann. Das heißt Unterschiedliches. Da ist ganz einfach eine Logik, die der Körper in sich hat. Ich glaube es gibt eine Körperlogik einfach von dem her, wie die Anatomie vom Körper ist, was Anziehungskraft heißt. Wir leben auf der Erde, wo es einfach Schwerkraft gibt. Mit diesen Prinzipien kann ich arbeiten. Im Training versuche ich damit zu arbeiten, dass ich das einfacher verstehe, nicht nur rational, sondern das es physisch spürbar wird für mich. Also dass ich es nicht mehr denken muss, sondern dass es einfach da ist, wenn ich es gebrauchen will."

A.V.: "Und das ist die Funktionalität, die du anstrebst, eben jegliche Bewegung ausführen zu können?"


R.G.: "Ja,  je mehr Möglichkeiten ich habe, um so mehr kann ich aussuchen. Wenn man das mit etwas Anderem vergleicht, zum Beispiel mit Musik, wenn ein Sänger einfach nur die hohen Töne kann, dann kann er nie irgendetwas singen, wo die Stimme runtergehen muss. Eigentlich will ich gerne meinen Körper dazu kriegen, dass ich mehrere Möglichkeiten habe, als nur das (Renate macht eine Armgeste) zu machen, also jetzt im übertriebenen Sinne - so viele Möglichkeiten wie nur möglich möchte ich mir erarbeiten, so dass mein Körper ein Werkzeug ist, für das, was ich machen will."

A.V.: "Was möchtest du machen?"


R.G.: "Ich möchte mit Tanz kommunizieren. Also das ist nicht einfach nur schöne Bewegung - der Ausdruck ist gefährlich - aber ich glaube, das Bewegung mehr kann, als nur Bewegung für Bewegung sein."

A.V.: "Was kann sie noch sein?"


R.G.: "Sie kann den Raum verändern, sie kann Assoziationen auslösen bei Leuten, die sie anschauen. Sie kann vielleicht nicht im rationalen Sinne eine Geschichte erzählen, aber ich glaube sie kann ein physisches Erlebnis für den Zuschauer werden, was etwas Anderes ist, als ein Buch zu lesen oder einen Film anzuschauen. Vielleicht ist es aber auch ähnlich, was beim Zuschauer passiert."


A.V.: "Wie triffst du die Entscheidung, etwas Bestimmtes kommunizieren zu wollen, zum Beispiel auf der Bühne?"


R.G.: "Es kommt darauf an, mit was ich mich gerade beschäftige, womit ich mich im Leben auseinandersetze. Wo sind die Fragen, die entstehen in meinem Beruf, was mit Tanz zu tun hat, aber auch wenn ich ins Leben gehe, wenn ich mir Sachen anschaue. Oder auch als eine Reaktion auf etwas, was ich um mich herum wahrnehme. Zum Beispiel in meinem Beruf; ich merke, dass ich nicht mehr so viele Menschen wirklich tanzen sehe, dann kommt die Frage, warum das so ist, und was ist spannend, wenn ich das dann wiederum mache."

A.V.: "Dann ist Tanz als Urform, also die tänzerische Bewegung, das Tanzen an sich, das, was du wirklich auf die Bühne bringen möchtest?"


R.G.: "Ja, weil es ist das, was ich liebe, und was ich kann. Und warum sollte ich was auf die Bühne bringen, was ich nicht kann. Ich kann nicht so gut singen, also singe ich nicht. Man kann sich das in der künstlerischen Arbeit natürlich aussuchen und gewisse Kunstsparten miteinander mischen, aber für mich ist Tanz immer noch Tanz, Sprechen ist Sprechen und Singen ist Singen. Und wenn ich das zusammen mische, ist das vielleicht die Frage der Dramaturgie, oder was auch immer, aber die Frage, warum mache ich das so und was will ich damit kommunizieren?"

A.V.: "Die künstlerische Sprache ist dementsprechend also hauptsächlich ohne Worte? Aber mit Musik?"


R.G.: "Für mich muss der Tanz, also was ich unter Tanzen verstehe, oder was ich machen möchte in der künstlerischen Arbeit, genauso spannend sein ohne Musik und ohne Licht, wie damit. Eigentlich ist für mich Licht und Ton nicht nur Unterstützung, sondern, wenn es dazu kommt, müsste mehr entstehen, als nur das, was ich mit Tanz nicht erreicht habe, sozusagen um zu kaschieren oder auszufüllen. Außer ich will mir das zum Thema nehmen, aber dann kommt ganz kurz die Frage, wie ich dann mit Ton und Licht arbeite. Grundsätzlich muss der Tanz für mich ganz pur für sich alleine etwas ausdrücken können."

A.V.: "Wie kann ich mir vorstellen, wie aus einer Inspiration für ein Bühnenstück die pure tänzerische Arbeit entsteht? Ihr arbeitet ja schon eher mit abstrakten Tanzformen."


R.G.: Purer Tanz ist für mich nie abstrakt."

 

 

A.V.: "Sondern?"


R.G.: "Der ist ganz konkret für mich. In der letzten Zeit vor allem stelle ich mir die Frage, wie ich ganz konkret werden kann im Tanz. Das ist das, was ich vorher meinte. Ich muss eigentlich wissen, was ich damit will, also ich kann unterschiedliche Qualitäten reinbringen, je nachdem, ob ich mir jetzt vorstelle, das ist eine Wand, oder das ist Watte - wir sprechen dann von unterschiedlichen Qualitäten, aber es ist nicht abstrakt. Einfach weil ich ein Mensch bin, der Gefühle hat und deshalb meinte ich auch, dass Bewegung immer kommuniziert, weil jede Bewegung ein Gefühl auslöst. Wenn ich nur schon hier eine Anspannung im Körper habe, geht ja innerlich ein Gefühl ab, was ja nicht abstrakt sein kann. Also ich finde das einen schwierigen Ausdruck für Tanz. Aber wir leben damit schon seit was weiß ich wie vielen Jahrzehnten."

A.V.: "Die Darstellungsform an sich, von außen betrachtet, wirkt halt schon eher abstrakt."


R.G.: "Weshalb?"


A.V.: "Ich denke, ich weiß, was du damit meinst, wenn du sagst, dass das, was vom Körper kommt nicht abstrakt sein kann, sondern es ist menschlich an sich und ist an sich da und dementsprechend ganz konkret. Ist die Übersetzung aus den Informationen, die du aufnimmst von außen, die dich beeinflussen überhaupt etwas künstlerisch tun zu wollen, in die konkrete Form, nach außen hin transportierbar?"


R.G.: "Ich glaube schon, ja. Deshalb meine ich ja, dass ich umso klarer sein muss, auch in der Möglichkeit mit meinem Körper. Ich muss wissen, was mein Körper macht, wann, wie im Raum, mit welcher Intensität usw. usf. Und ich glaube Bewegung wird zum Teil unkonkret oder als abstrakt bezeichnet, weil ganz viele Sachen auch unbewusst ablaufen, die man gar nicht wahrnimmt. Das ist vielleicht nur eine Unterstellung. Pantomime bezeichnet man ja auch nicht als abstrakt, obwohl sie mit Bewegung arbeitet ohne Worte und sie beschreibt, sie kann beschreiben, ganz klar. Ich suche davon eine andere Form. Ich versuche in der Bewegung ganz konkret in dieser Situation auch zu sein. Also nicht eine Situation zu beschreiben, sondern ich versuche mich da rein zu begeben. Und ich glaube schon, dass das dann transportiert werden kann."

A.V.: "Das heißt, das 'konkret' bedeutet, im Moment gewahr zu sein? Die Aufmerksamkeit und Wahrnehmung wirklich in dem Moment zu haben, und zu schauen, wo du jetzt bist und wo dein Gewicht ist, um auf die Anziehungskraft zurückzukommen? Du meinst, Bewegung wäre konkret, wenn du dir in jedem Moment des Ablaufs dessen bewusst bist? Und sie wirkt leicht abstrakt, wenn du es eben nicht mehr bewusst hast?"


R.G.: "Nein, für mich selber wird sie eben trotzdem nicht abstrakt, ich sage nur, dass es dadurch für die Leute vielleicht als abstrakt bezeichnet werden kann. Ich weiß es nicht, für mich ist es nicht abstrakt. Wenn ich merke, dass Leute nicht unbedingt wissen, was sie gerade tun, dann wird es für mich leere Bewegung, wo ich nicht verstehe, was sie sollen, oder ich kann keinen Bezugspunkt herstellen. Und ich meine das jetzt nicht nur in einem rationalen Sinne wie beim Sprechen eines Textes. Natürlich lässt Bewegung immer ein bisschen mehr Freiraum, weil Worte einfach eine andere Form der Kommunikation sind, als die Sprache ohne Worte. Auch Leute, die nicht sprechen können benutzen einen gewissen Gestus, um zu kommunizieren, wo auf eine Art ganz konkret ist, aber wenn die andere Person sich nicht darauf einlassen will, kann sie vielleicht auch was ganz Anderes darunter verstehen oder wahrnehmen. Das ist bei Worten vielleicht schwieriger, aber Kommunikation ist Kommunikation, und ob ich die andere Person verstehe, ist eine andere Frage."

A.V.: "Das würde bedeuten, für deine Kommunikation, also für deinen Tanz, müssten die Leute, die ihn verstehen sollen, zumindest annähernd verstehen, was deine Tanzsprache an sich ist?"


R.G.: "Das glaube ich nicht, nein. Ich glaube, wenn sich Leute einfach erstmal auf ein Erlebnis einlassen können, ohne vielleicht gleich zu hinterfragen, was will sie damit, dann glaube ich dass sie darin eintauchen können."


A.V.: "Was braucht es für ein Verständnis, oder was braucht es für eine Ebene von mir als Wahrnehmende, um deine Kommunikation zu verstehen?"


R.G.: "Genau das ist die Frage. Es geht nicht immer nur um das Verstehen. Auch wenn ich mit dir in Worten kommuniziere, kann ich dich missverstehen. Wir sprechen die gleiche Sprache, deutsch. Wir wissen grammatisch all das Zeug, und trotzdem kann ich dich missverstehen, weil ich eine Interpretation mache, weil ich eine andere Vergangenheit habe als du, ich bin in einer anderen kulturellen Umgebung aufgewachsen. Zwar in Europa aufgewachsen, genau wie du, aber wir haben verschiedene Hintergründe. Von daher ist es nie sicher, dass ich dich jetzt genauso verstehe, wie du das jetzt haben möchtest. Egal ob ich jetzt mit dir in Tanzsprache spreche, also versuche mit dir über Tanz zu kommunizieren, oder in Worten, weil es immer darum geht, wie ich das aufnehme. Der Punkt ist aber, dass es eigentlich gar nicht immer darum geht, zu verstehen, sondern: was erlebe ich? Als Zuschauer: was nehme ich wahr, was ist meine Wahrnehmung in dem Moment. Und warum muss ich die hinterfragen, in dem Sinne, dass ich zu verstehen versuche, was der Choreograf mir damit zu sagen versucht?"

A.V.: "Sich zu üben in der Kommunikation, in der Sprache, die man wählt, hat nicht unbedingt etwas damit zu tun, verstanden werden zu wollen, sondern eher ist es der Wunsch, sich besonders gut auszudrücken?"


R.G.: "Ja, damit wir anfangen können, in einen Dialog zu treten. Ich kann mich dann, weil wir immer noch Bühnenform und Zuschauer haben, wenn es mich interessiert, was ein Zuschauer wahrgenommen hat, erst nachdem die Vorstellung vorbei ist, darauf einlassen, mit dieser Person verbal zu kommunizieren, um überhaupt zu sehen, was sie erlebt hat. Und dann kann ich mich hinterfragen, ob das meine Absicht war, oder hat sie es falsch verstanden, falsch wahrgenommen. Wobei ich nicht glaube, dass es das gibt, sie hat es so wahrgenommen. Nur dann muss ich mich fragen, ob ich meine Arbeit in dem Sinne so gut gemacht habe, oder ob ich etwas verpasst habe. Wenn ich im Gespräch mit ihr das Gefühl habe, sie hat etwas ganz Anderes erlebt, als das, was ich vielleicht gerne hätte, das sie erleben sollte, dann muss ich mich natürlich hinterfragen. Von daher ist es auch für mich nicht so, dass ich jetzt in mir, wenn ich ein Stück mache, sagen würde; das ist es und das war es; und entweder ihr versteht das, oder ihr könnt das so wahrnehmen, oder nicht. Denn eigentlich ist es ja ein Prozess auch mit dem Publikum. Sonst könnte ich ja jetzt eigentlich aufhören, wahrscheinlich. Ich will ja eigentlich in einem steten Dialog bleiben. Das ist vielleicht der Antrieb, Arbeiten zu machen, oder verschiedene Ansätze auszuprobieren, um überhaupt zurück zu erleben, zu erfahren, was denn ein Publikum erlebt. Für mich ist wirklich ganz wichtig, dass es nicht nur um das Verstehen geht, sondern dass Tanz eine Sache ist, die man erleben kann. Nicht unbedingt rational verstehen."

A.V.: "Ich möchte noch mal auf den Anfang zurückkommen; Kommunikation war der erste Punkt in deiner Antwort auf die Frage, was ist Tanz? Der zweite Punkt war Rhythmus, was ist daran wichtig?"


R.G.: "Ich glaube das habe ich mehr im Sinne von gesellschaftlichem Tanz gemeint, oder wenn ich in die Disko gehe und Musik höre, dann gibt es einen Rhythmus, auf den ich mich bewege, was ich im Bühnentanz natürlich auch machen kann. Nur glaube ich, weil mich Bewegungs- oder Körperlogik interessiert, dass es darin auch einen Rhythmus gibt. Also wenn ich mit Fall arbeite, dann gibt es eine logische Abfolge, die auch einen Rhythmus auslöst, sprich: ich brauche nicht den Rhythmus der Musik, um Bewegung oder Tanz tanzen zu können, sondern ich kann vom Körper, von einem Ablauf, oder von einer Bewegung einen Rhythmus finden."

A.V.: "Der auch dann in etwa gleich ist? Hat Tanz eine Rhythmik dadurch, dass der Körper sich im Raum bewegt? Ist der bei der gleichen Bewegungsfolge immer gleich?"


R.G.: "Müsste eigentlich, ja. Außer ich fange an zu manipulieren. Wenn du pur eine Abfolge nimmst, den Ansatz von der Bewegung, und du sie durchlaufen lässt durch den Körper, durch was auch immer, also verschiedene Teile vom Körper, und setzt immer gleich an und lässt immer gleich durchlaufen, müsste es immer den selben Rhythmus geben. Ich kann ihn nur verändern in dem ich anfange zu manipulieren im Sinne von gestalten. Also ich möchte das nicht ganz so durchlaufen lassen, sondern ich setze eine Verzögerung ein bei einem Punkt. Dann verändert sich der Rhythmus."

A.V.: "Wenn ich als Anfängerin zu dir komme, was ist das Erste was du mir sagen würdest, was ich lernen sollte?"


R.G.: "Wie dein Körper funktioniert, ist das Erste, das du lernen solltest."

A.V.: "Das ist sehr komplex."


R.G.: "Wo sind die Gelenke und wie funktionieren Gelenke? Und das es einen Boden gibt und eine Anziehungskraft und dass ich damit oder dagegen arbeiten kann. So ungefähr, das ist eine schwierige Frage."


 

A.V.: "Und wenn ich als Profitänzerin zu dir komme, aber noch nie Release-Technik gemacht habe, was wäre dann das Wichtigste, das ich zu lernen hätte?"


R.G.: "Kann ich so nicht beantworten. Ich denke, die Frage geht eher umgekehrt: Was willst du lernen? Ich kann dir nicht lernen, du bist diejenige, du lernst. Ich mache dir ein Angebot. Also die Frage geht an die Person selber, sogar wenn jemand keine Ahnung hat. Da ist dann die erste Frage, warum du das eigentlich machen willst? Was willst du lernen? Also Release-Technik, nun ja, ich versuche eigentlich nur damit zu arbeiten, nicht gegen meinen Körper zu arbeiten, sondern mit einem Verständnis von meinem Körper, so dass ich erstmal hoffentlich lange damit tanzen kann, weil ich nur einen Körper habe. Ich will mit einem Verständnis, wie mein Körper so effizient wie möglich arbeitet, tanzen. Und das würde ich als Angebot machen an jeden Tänzer, der ins Training kommt. Und dann ist seine Frage, was er davon mitnehmen will und was nicht. Ich kann es nur anbieten und mit ihm arbeiten, aber wenn er es nicht lernen will, kann ich überhaupt nichts machen."

A.V.: "Heißt das, das Basiswissen zum Tanzen liegt im Wissen um die Funktion der Gelenke, der Anziehungskraft, des Bodens und wo oben ist?"  

R.G.: "Ich weiß nicht, ob es nur um Wissen geht. Genauso wie ich es beim Zuschauer meine, es geht nicht um Verstehen, sondern um Erleben. Ich kann Vieles wissen in meinem Kopf, aber wenn ich dieses Wissen nicht in Körpergefühligkeiten übertragen kann, glaube ich nicht, dass ich tanzen kann. Natürlich kann jeder tanzen, auf seine Art und Weise, jeder Mensch kann wirklich Tanzen, das ist gar keine Frage! Jetzt geht es wirklich um die Frage meiner Ästhetik und ich denke, dafür braucht es mehr, als nur zu wissen, wo meine Gelenke sind, wo die Anziehungskraft, und wo oben und unten ist. Ich glaube man muss auch ein Gefühl dafür haben, was das macht. Ich kann das nicht beantworten und ich glaube deswegen tanze ich auch, sonst würde ich nicht tanzen. Ich müsste jetzt noch weiter darüber nachdenken, aber ich glaube nicht, dass es ausreicht, vor allem auch Wissen nicht ausreicht, wenn ich es nicht übersetzen kann in den Körper, in das Spüren und Wahrnehmen während du es tust. Oder in dem Moment zu sein, wo du es tust. Das ist auch das Schwierigste für mich im Tanz; nicht vorher, nicht nachher, sondern eben in diesem Moment zu sein, jetzt. Nicht vor 5 Sekunden - also eigentlich das Wahrnehmen, was jetzt, jeden Moment immer ist. Das finde ich das Schwierigste und ich würde auch nicht sagen, dass es immer da ist, aber es ist vielleicht ein Ziel oder ein Antrieb, auf diesem Weg zu bleiben und da zu gucken, wie sehr man das erreichen kann, wie sehr man da sein kann."

A.V.: "Hast du ein Wort, um Tanz auszudrücken?"


R.G.: "Leben im Hier und Jetzt. Leben."


A.V.: "Vielen Dank!"


Fotos: Ingmar Wengel