Interview von Anke Vetter mit Jan Burkhardt im Juli 2006 in Stolzenhagen zum Projekt "Was ist Tanz?" von fetter Engel e.V.
"Es geht immer darum, in irgendeiner Weise zu kommunizieren."
Jan Burkhardt ist Tänzer und Choreograph und im In-und Ausland tätig. schwerpunkte seiner Arbeit sind Zeitgenössiche Tanztechniken, Laban-Bartenieff Bewegungsstudien, Body Mind Centering, Contaktimprovisation und multimediale Improvisation.
Starken Einfluss übt auch seine jahrzehntelange Beschäftigung mit klassischer und zeitgenössischer Musik aus.
Neben Projekten für und mit Profis arbeitet er immer wieder auch mit Laien, Kindern und Jugendlichen – Tanz und Kunst für alle...
A.V.: "Hallo Jan, nach unserem Gespräch gestern habe ich noch ein
paar Fragen. Du hast gesagt, Tanz sei Lebensenergie in Bewegung halten,
was meinst du denn mit Lebensenergie? Warum ist das Tanz?"
J.B.: "Ich sprach gestern von Tanz als Geburtsrecht, als
Geburtsbedürfnis, als grundsätzliches Bedürfnis. Und da wir physische
Wesen sind, drückt sich im Tanz ganz besonders die psycho-physische
Komponente des Daseins aus. Der Kreislauf, wovon ich auch gestern
sprach, der Austausch von Geben und Nehmen auf einer physischen Ebene,
aber dann natürlich auch emotional."
A.V.: "Gilt das für jeden Tanz? Also passiert das auch beim
Volkstanz, beim Ballett?"
J.B.: "Ganz grundsätzlich würde ich das bejahen wollen, ich glaube
schon, dass das alle Tanzarten, alle Tanztypen gemein haben. Im
zeitgenössischen Tanz und ganz besonders auch in der improvisatorischen
Ecke, glaube ich, dass vielleicht - und das sage ich jetzt mal als
These - ursprüngliche Bedürfnisse wieder mehr hervorgebracht werden
können, weil die Formen so offen sind, weil dann die Spur zum
Archetypischen und zum Essentiellen im Grunde genommen sehr nahe liegt."
A.V.: "Du meinst der Ausdruck ist dann essentieller? Oder das, was der Mensch im Tanz produziert in einer Improvisation?"
J.B.: "Zumindest ist die Chance dann da, daran zu kommen. Stärker als
in einer sehr formgebundenen Tanzform, weil das was in dem Moment im
Inneren ist nach außen getragen werden kann, was nicht heißt, dass das
auch immer getan wird."
A.V.: "Du hast gestern gesagt, die Lebensenergie in Bewegung halten
hat ganz viel damit zu tun, dass du wahrnimmst, also Dinge in dich
aufnimmst, und diese Wahrnehmung quasi auch wieder ausdrückst, dem
einen Ausdruck gibst. Warum hast du das mit der Atmung verknüpft?"
J.B.: "Der Kreislauf schließt sich, indem im Grunde genommen das
Einatem für ein Aufnehmen stehen kann, der Ausatem für ein wieder
Abgeben. Ich glaube das die Atmung einer der elementarsten Rhythmen
ist, der interessant ist auch rein physiologisch. Die Atmung können wir
kontrollieren und steuern, können wir manipulieren. Gleichzeitig läuft
sie auch unbewusst ab, so dass wir daneben andere Tätigkeiten vornehmen
können. Ich glaube, dass man sich das unbedingt immer zu Nutze machen
muss im Tanz, und dass das auch ein stetiges Phänomen ist, was den
Kreislauf von Geben und Nehmen schließt. Da muss ich dann natürlich
auch die Grenzen wahrnehmen, wie viel kann ich aufnehmen, wie viel kann
ich abgeben? In welchem Kontext kann ich aufnehmen? Rein physiologisch,
wenn die Luft schlecht ist, wenn neben mir ein Laster steht, kann ich
nicht so tief atmen, wie hier in Stolzenhagen in der Natur. Das
wiederum zu verknüpfen mit den emotionalen Grenzen, die wir natürlich
auch haben, situationsbedingt, rahmenbedingt."
A.V.: "Jeder Mensch ist dazu verdammt zu atmen und sich zu bewegen.
Wo ist der Unterschied dann zum Tanz? Jeder Mensch atmet und bewegt
sich durch die Welt und müsste dann somit diese Lebensenergie in
Bewegung halten. Was macht den Tanz so besonders und sind Tänzer in
einer besonderen Lebensverfassung?"
J.B.: "Wahrscheinlich ist Tanz etwas, was man nur für sich definieren
kann. Es ist wahrscheinlich schwierig zu sagen die oder der ist ein
Tänzer, und der oder die nicht. Ich glaube, wenn jemand sich für einen
Tänzer hält oder sich als Tänzer fühlt, dann ist er oder sie es auch
und das hat wahrscheinlich viel mit kultivieren zu tun. Ich kultiviere
den körperlichen Ausdruck, die körperliche Wahrnehmung. Dann kommen wir
natürlich zu der interessanten Frage, ab wann das Tanz ist. Wann ist es
Meditation, wann ist es Sport oder Kampfsport oder all die anderen
Disziplinen, die man da noch hat. Die ästhetische Komponente ist da
natürlich ein springender Punkt. Tanz hat als Kunstform natürlich eine
starke ästhetische Komponente und für mich zumindest auch eine starke
musikalische Komponente durch das Phrasieren von Bewegung, was ich zum
Beispiel im Sport nur auf rein funktionaler Ebene habe, aber nicht auf
einer emotional expressiven Ebene. Und natürlich auf der kommunikativen
Ebene, was Sport oder Kampfsport auch nur auf funktionaler Ebene hat,
während der Tanz, oder ähnlich das Schauspiel, wo allerdings dann noch
ganz stark das Wort dazu kommt, das auf einer ziemlich reinen Ebene
hat. Denn ich will ja eigentlich immer kommunizieren, sei es auf der
Bühne, in der Disko oder in einem Volkstanzclub. Oder auch als Lehrer
oder Schüler einer Tanzklasse; es geht immer darum, in irgendeiner
Weise zu kommunizieren. Was auch immer, das kann natürlich sehr weit
gefächert sein."
A.V.: "Was wir aber natürlich immer tun. Der Mensch ist ja gar nicht in der Lage, nicht zu kommunizieren."
J.B.: "Ja, aber im Tanz ist es denke ich ganz bewusst so. Ich gehe in
eine Tanzklasse oder Tanzaufführung um ganz bewusst an einer
Kommunikation teilzuhaben. Aktiv und passiv."
A.V.: "Für dich persönlich?"
J.B.: "Ich denke, das ist eine generelle Sache. Im Falle des
Zuschauerdaseins in einem, ich sage jetzt mal ganz klassischen
Aufführungsrahmen, wo der Zuschauer nicht involviert wird in das
Geschehen, wo es vielleicht auch nur einen Showcharakter gibt, ist es
natürlich eine passive Haltung, aber ich gucke mir ja trotzdem an, was
die da auf der Bühne machen, und frage mich dann wahrscheinlich auch,
was das soll, wozu machen die das, und sei es nur um mich zu
unterhalten, was ja schon genügend sein kann. In einer Tanzklasse will
ich natürlich über mich und meinen Körper etwas erfahren, will etwas
lernen, sei es "nur" Koordination oder Fitness, oder darüber hinaus
will ich Verbindung mit meinem Emotionalkörper aufnehmen, oder, oder."
A.V.: "Du trennst den physischen Körper vom Emotionalen?"
J.B.: "Ich glaube bei einem Tänzer kann man gerade das nicht tun, aber
natürlich kann man Schwerpunkte setzen. Es gibt Tanzformen, die
sicherlich physischer sind als Andere und welche, die sicherlich
emotionaler sind als Andere, wenn man zum Beispiel in die Tanztherapie
geht oder in den Trancetanz, da ist sicherlich der Schwerpunkt mehr auf dem
Emotional-psychologischen gelegen als wahrscheinlich im Ballett, bei
dem es vielmehr um Form geht, um körperliche Beherrschung."
A.V.: "Wenn ich über die körperliche Beherrschung nachdenke, ist
das was, was auch die Lebensenergie in Bewegung hält oder geht das
eigentlich nur in konzentrierter Form, wenn ich mich mit dem
emotionalen Körper beschäftige? Weil sonst könnte ich wiederum jede Art
der Bewegung vollführen."
J.B.: "Für mich persönlich natürlich Zweiteres, aber das ist meine
persönliche Sache. Allgemein ist das schwierig zu sagen. Ich würde
sagen, da wo man sich wohl fühlt, da wo man sich am Ball fühlt, am
roten Faden, da ist man auch. Und wenn das vielleicht nicht stark
akzentuiert in das Emotionale rein geht - vielleicht ist man da dann
nicht als Mensch in seiner Lebensphase, oder man kommt da erst hin und
es ist vielleicht ein Zwischenschritt zu dem 'noch mehr sich öffnen'.
Ich glaube Tanz, so wie ich ihn empfinde, wie ich ihn wichtig finde,
hat viel mit Öffnen und dem Willen oder der Bereitschaft sich zu öffnen
zu tun. Das kann man aber nicht unbedingt erzwingen. Es gibt ja auch,
und das wirst du auch kennen von Contactklassen oder Erlebnissen auf
einer Jam, wo Leute, die das vielleicht noch nie gesehen oder gemacht
haben, sehr schnell überfordert sind und das kann ich auch gut
nachvollziehen, weil es auch sehr schnell zu eng sein kann und man kann
niemandem sagen: du musst jetzt hier 5 Stunden Contact tanzen. Das kann
wahrscheinlich sogar so etwas wie ein Trauma setzen und dann wird der
Mensch niemals mit dem Contact tanzen anfangen, wobei es grundsätzlich
eine tolle Sache auch für ihn sein könnte."
A.V.: "Was muss ich öffnen?"
J.B.: "Ich glaube tatsächlich mich als ganze Person. Das ist halt das
Tänzerische, das Physische und das Emotionale, was uns vielleicht
unterscheidet von anderen Kunstformen. Als Maler muss ich andere Dinge
erfüllen, als als Tänzer, vielleicht weil mein Körper nicht so stark
involviert ist. Er ist zwar auch involviert, weil er letztendlich den
Pinsel führt und weil ein Körper einfach Emotionen in sich trägt, aber
als Tänzer ist ganz schnell der Körper mit drin, da muss ich sogar
bereit sein, körperliche Risiken einzugehen. Es kann sein, dass ich in
der ersten Tanzklasse vielleicht nicht ganz so schön tanze, wie ich es
gerne wollte und dass mir das vielleicht peinlich ist. Vielleicht bin
ich sowieso ungelenk, vielleicht fühle ich mich zu dick oder zu dünn
oder zu groß oder zu klein, all diese Sachen, die man sicherlich
gesellschaftlich kennt. Es kann sein, dass ich Angst habe vor dem
Fallen - ich glaube es geht um viele Extreme. Ich glaube es geht um die
tiefsten Stellen, und zwar schrittweise und nicht zu früh, weil es
nicht erzwungen werden kann. Das geht dann eher nach hinten los."
A.V.: "Was hat das jetzt mit Fallen zu tun? Angst vor dem Fallen?
Wenn ich Balletttänzer sehe, die Fallen ja nicht, die sind ja ganz im
Gegenteil ziemlich sicher auf ihren Beinen."
J.B.: "Ich glaube das Fallen ist ein interessanter Punkt. Das Fallen:
als Menschen sind wir ja immer mit der Schwerkraft konfrontiert,
Balletttänzer fallen nicht, weil sie trainiert sind gegen die
Schwerkraft zu arbeiten. Ich bin sicher, dass sie in den Proben auch
fallen. Ich finde auch, dass sie besser daran tun würden, es zu lernen,
weil sonst Verletzungen passieren. Gerade im Ballett, wo es um große
Sprünge geht. Im zeitgenössischen Tanz üben wir das ja und das ist eine
sehr intelligente Wahl. Im Grunde genommen, rein physisch gesehen, ist
das Schlimmste, was einem passieren kann, dass man fällt. Wenn man dann
übt zu Fallen und das dann auch Spaß bringt, was ja passiert beim
Contact tanzen oder auch in der Improvisation allgemein oder in
zeitgenössischen Choreografien, dann macht man eigentlich das
Schlimmste schon quasi fast zum Schönsten. Man fällt, das bringt Spaß.
Das ist auch etwas Archetypisches. Kinder machen das ja auch, zum
Beispiel auf dem Trampolin und solange nichts weh tut, ist Fallen das
Schönste, ein tolles Erlebnis und hat auch wahrscheinlich etwas mit
Fliegen zu tun, dem Traum vom Fliegen, vom Landen. Das würde ich auch
jedem Balletttänzer nur raten zu üben. Emotional gesehen fallen wir in
einen Schrecken hinein. Das Vertrauen ist da ein wichtiger Punkt,
Vertrauen zum Raum, zum Fußboden, dass er uns auffängt."
A.V.: "Wenn ich das Fallen lerne, Vertrauen lerne und quasi übe zu
Fallen, ist das dann überhaupt noch dieses Fallen, oder ist es etwas
Anderes?"
J.B.: "Sicher ist das Fallen. In allem was man trainiert und übt liegt
ein großes Risiko, dass man sich selbst eine Falle gräbt, indem man
vorgibt etwas zu tun und man in Wirklichkeit nur eine neue
Sicherheitsstruktur aufbaut. Und mit Sicherheit ist es beim Fallen so
bei uns im zeitgenössischen Tanz. Ich glaube wirklich wir müssen wach
bleiben, wir müssen sehen, wo unsere Grenzen sind, wo falle ich
wirklich noch, wo gehe ich noch ein Risiko ein? Ich merke das an mir
selbst immer wieder, es gibt viele Momente, wo ich merke, dass ich in
meinem Muster bin. Ich falle zwar, das mag von außen riskant aussehen,
aber ich weiß ganz genau, wo ich hinfalle, wie ich falle, mit wem ich
es mir erlauben kann, vielleicht auch mit welchem Tanzpartner und mit
wem nicht. Man muss seine Grenzen versuchen noch weiter zu weiten, so
dass der Moment wirklich authentisch ist, Risiko eingehen. Ich glaube
das ist eine lebenslange Sache, die kein Ende hat."
A.V.: "Warum soll ich das Risiko immer weiter suchen, wenn ich
eigentlich lernen kann, mich immer zu organisieren? Warum soll ich nach
Grenzen suchen?
J.B.: "Da kommen wir wieder vom Fallen zum Öffnen zurück. Das Fallen
ist vielleicht eine Unterart des Öffnens allgemein. Weil das Leben ja
immer wieder Überraschungen mit sich bringt und da ist das
wahrscheinlich das beste Training, um auf das, was da kommt eingehen zu
können - und das kann ich nur, wenn ich ein Stück weit offen bin.
Natürlich muss ich mich auch schließen können. Das ist ein Nebenaspekt.
Ich muss auch meine Grenzen erkennen und sagen können: heute kann ich
mich nicht mehr öffnen oder in dieser Minute kann ich mich nicht
öffnen. Immer offen zu sein, wie wir alle wissen, funktioniert auch
nicht. Da haben wir ja gestern drüber gesprochen, wie der starke Input
in unserer Zeit in unserer westlichen Welt sogar zu Krankheiten führen
kann. Ich glaube das diese Phrasierung von Öffnen und Schließen und
dann aber auch immer weiter sich öffnen zu können, dem Anspruch des
Lebens am gerechtesten wird, als Trainingsform sozusagen."
A.V.: "Dem Anspruch des Lebens, ist das jetzt wieder die
Lebensenergie? Oder erlchen Anspruch meinst du? Wir werden geboren, wir gehen in die Schule, lernen
einen Beruf, gehen in Rente... ."
J.B.: "Wahrscheinlich tiefer gehen zu können, wenn man das will. Das
will vielleicht nicht jeder. Bewusst sein zu können, das will
vielleicht auch nicht jeder. Ich kann jetzt natürlich hier nur über
mich selbst sprechen, und weiß, dass es für mich interessanter ist,
bewusster zu sein und tiefer zu gehen. Letztlich auch um andere besser
verstehen zu können, mit anderen besser sein zu können. Es gibt
Situationen in der Welt, an denen man sehen kann, dass es starke
Defizite gibt und dass etwas geändert werden muss. Ich glaube allen
Ernstes, dass der Tanz da ein Beitrag sein kann, weil er eine starke
Möglichkeit gibt, mit der Physis, der Psychologie und den Emotionen zu
arbeiten, damit umzugehen und zu Öffnen und zu Schließen."
A.V.: "Und du meinst Offenheit würde letztendlich ein anderes
Bewusstsein für das Leben miteinander bringen und für das Leben mit der
Umwelt?"
J.B.: "Ja."
A.V.: "Du sprichst von zeitgenössischem Tanz. Wie
muss ich mir das vorstellen, was ist das in deinem Fall?"
J.B.: "Das ist natürlich ein sehr weit gefasster Begriff, ähnlich wie
der Jazz in der Musik, wo man von Louis Armstrong bis hin zum Free Jazz
und noch zeitgenössischeren Formen ein extrem weites Spektrum umfasst.
Im zeitgenössischen Tanz ist es ähnlich, ich glaube er ist eigentlich
der Poststrukturalismus des Tanzes, nach den formalen Höhepunkten des
Balletts oder Modern Dance, wo einfach Formvollendungen stattgefunden
haben, die so wahrscheinlich kaum noch weiter zu entwickeln sind. Im
zeitgenössischen Tanz, im Gegensatz, sind wohl noch Formen möglich - was
häufig auch notwendig ist und natürlich häufig genutzt wird - gibt es
keine vorgegebenen Formen. Es gibt die Möglichkeit und Mittel, keine
Formen zu wählen oder nüchtern von Improvisationen zu Formen zu gehen.
Natürlich entsteht Form und es entstehen auch Muster, die individuell
sind und sicherlich auch kollektiv. Ich denke wir haben auch eine
Schnittmenge von Vokabular, wahrscheinlich mit jedem Kollegen, aber es
ist nicht mehr so stark definierbar, es gibt keine Positionen etwa wie
im Ballett; erste, zweite, vierte Position oder eine Figur wie die
Arabèsque oder so. Man kann die Ballettform natürlich nach wie vor
benutzen, aber es ist eine Freiheit mit der Form umzugehen oder sich
gegen die Form zu entscheiden und das ist in sofern eine unheimlich
reiche Quelle von Material. Ein wichtiger Aspekt ist auch die
Multidisziplinarität, die nicht dem zeitgenössischen Tanz an sich
innegestellt ist, aber die nahe liegt, weil wir in der zeitgenössischen
Zeit einfach multidisziplinär leben. Wir telefonieren mit dem Handy,
während wir eigentlich eine E-Mail schreiben, gleichzeitig Kräutertee
kochen und den Fernseher anhaben. Also multimedial kann man sagen, was
multidisziplinär wird, sobald ich mit den Medien umgehe, sobald ich ein
Medium zu meiner Disziplin mache. Ich glaube der zeitgenössische Tanz
nutzt das sehr viel. Es gibt ja kaum eine Tanzaufführung, wo nicht ein
Videoscreen installiert ist oder elektronische Musik, oder, oder. "
A.V.: "Ist das so mittlerweile?"
J.B.: "Ich denke schon. Und wenn nicht, dann ist das eine ganz bewusste
Entscheidung. Purer Tanz. Da kommen wir natürlich wieder zu der Frage,
was purer Tanz ist. Die wird ja auch oft gestellt, gerade von Leuten,
die sonst nicht so viel damit zu tun haben. Die Frage kann man, denke
ich, nicht eindeutig beantworten, weil die Querverbindungen zum Theater,
zur Musik, zu all den anderen Disziplinen sehr offen geworden sind. Ich
glaube das ist gut so, ich glaube es ist gut, dass man das nicht mehr
so sehr gegeneinander setzt, weil es all diese Medien sind, die wir
benutzen können, alles Mittel, die zum Ausdruck herangezogen werden
können."
A.V.: "Da geht es ja jetzt um Tanz auf der Bühne. Wenn ich aber
davon spreche, dass Tanz das Medium ist um die Lebensenergie in
Bewegung zu halten und das auch auszudrücken, warum mische ich das
dann, indem ich andere Disziplinen einbringe? Ist das dann nicht für
den Zuschauer wesentlich schwieriger auseinander zuhalten, was was ist?"
J.B.: "Für das klassisch geschulte Auge mit Sicherheit."
A.V.: "Im Ballett gibt es ja auch immer theatrale Momente und Musik."
J.B.: "Ich glaube Multidisziplinarität oder Multimedialität ist nicht
eine Sache, die nur den zeitgenössischen Tanz auszeichnet, das wurde
immer gemacht, nur nimmt es jetzt mehr und mehr seinen Höhepunkt im
zeitgenössischen Tanz. Ich glaube viele Leute verwirrt das, nicht nur
das jetzt ein Video läuft während jemand tanzt, sondern auch das
Tanzelement als solches. Es ist nicht klar, ob das jetzt Tanz ist oder
Theater oder Pantomime, oder was ist es eigentlich? Vielleicht führt
das aber auch dazu, mehr zur Essenz hinzuschauen und durchzudringen und
vielleicht ist es gar nicht wichtig, zu definieren, ob das Tanz ist
oder Schauspiel, sondern ich gucke einfach genauer, was ist das, was
wird da ausgedrückt. Es kann tatsächlich einen semantischen Wert haben,
den ich vielleicht sogar verbal ausdrücken kann, oder es ist nur eine
Energie, ein Gefühl oder eine Farbe, oder was auch immer."
A.V.: "Ich erlebe häufig, dass Leute aus einem Tanzstück kommen und sagen, dass sie nichts verstanden haben."
J.B.: "Das ist wahrscheinlich ein doppelseitiges Problem weil es genau
das zeigt, was diese Zuschauer klassischer zu sehen gewohnt sind, als
der Tanzschaffende, der das Stück gemacht hat, voraussetzt. Ich glaube
auch, dass die Tanzszene als solche zu abgehoben vom gesellschaftlichen
Vorgehen arbeitet. Da wird geguckt, was machen die Kollegen, was wird
gerade gemacht? Was kann ich Neues machen? Es wird nicht so sehr
geguckt, wie ich auch Leute erreichen kann, die vielleicht in dieser
Welt nicht drin stecken. Solange das eine bewusste Sache ist, finde ich
das völlig in Ordnung. Ich habe aber das Gefühl, dass das nicht immer
bewusst ist und dass sich da leider der Hund in den Schwanz beißt, dass
das dazu führt, dass die Tanzszene als solche auch inzestuöser wird.
Und dann wird gejammert, dass Gelder gekappt werden. Auf der anderen
Seite wird aber die Verbindung zum Mainstream von den Tänzern selber
gekappt."
A.V.: "Warum denkst du, ist es weniger spannend, sich mit "Otto
Normalverbraucher" auszutauschen? Warum dreht sich das im eigenen Saft?"
J.B.: "Schwer zu sagen. Das ist eine sehr komplexe Thematik. Es hat
doch auch wieder mit der Förderstruktur zu tun, dass die, die Gelder
bekommen gerade diese und jene Ästhetik vertreten, in der sie natürlich
bleiben, weil sie dann beim nächsten Mal wieder Gelder bekommen."
A.V.: "Das hat doch recht wenig damit zu tun, dass man sich immer wieder öffnet."
J.B.: "Ja, genau, dazu wollte ich gerade kommen. Das ist auch eine der
Gefahren, von denen ich vorhin sprach. Man denkt und fühlt, dass man
sich in einer Öffnung befindet, hat sich in Wirklichkeit aber nur eine
neue Sicherheitsstruktur aufgebaut und merkt das erst nach Jahren, wenn
überhaupt. Das interpretiere ich, weil ich meine bei vielen
Tanzschaffenden zu sehen, dass das im Laufe der Jahre eine eigene Burg,
eine Festung geworden ist. Ich sehe auch, dass oftmals auch Leute, die
innovativ gearbeitet haben, sich im Laufe der Jahre mehr und mehr
institutionalisieren oder sich einfach geistig verschließen. Es ist
natürlich auch schwer. Wir haben davon vorhin in einem anderen Kontext
gesprochen; es ist natürlich schwierig über Jahre hinweg immer wieder
eine neue Öffnung zu schaffen, auch sich selbst so weit zu
reflektieren. Das führt mich zu einem anderen Thema: Es gibt keine gute
Feedback Struktur in Deutschland. Es ist enorm schwierig konstruktives
Feedback zu bekommen, sowohl von Kollegen, als auch von Laien. Ich
glaube, dass da auch ein Potential liegt, dass man daran arbeitet, so
das Abgehobensein der Tanzwelt zu verändern."
A.V.: "Es gibt es ja oft, dass zeitgenössische Kompanien nach der Aufführung ein Publikumsgespräch anbieten."
J.B.: "Ja, das wird getan, aber es kommt nicht viel dabei heraus. Ich
glaube fast, das hat mit einer Kommunikationsform zu tun. Im Deutschen
finde ich sehr häufig, dass nichts gesagt wird, oder dass Leute
zerstören - besonders auch Zeitungskritiker - sehr viel destruktiv
geschrieben und berichtet wird. Eine Mischung zu finden aus der
Anerkennung, dass da etwas da ist, auch wenn es vielleicht nicht
gefallen hat, und gleichzeitig Mittel zu finden, auszudrücken, was es
ist, was die Fragen sind, was vielleicht gefehlt hat, was nicht
funktioniert hat. Ich glaube daran muss gearbeitet werden."
A.V.: "Warum ist es so schwer, dieses Kommunikationsloch zum
Publikum zu schließen? Lässt sich der zeitgenössische Tanz nicht direkt
kommunizieren? Wir haben alle Körper und Bewegungsmöglichkeiten. Warum
hebt es sich so ab, wenn es doch eigentlich das Bodenständigste überhaupt ist, nämlich die Bewegung mit dem Körper?"
J.B.: "Ich glaube der Nichttänzer ist nicht geschult körpersprachliche
Nachrichten ins Bewusstsein zu heben. Ich glaube unbewusst sehr wohl.
Wir alle lesen im Alltag, im Straßenverkehr sehr wohl Körpersprache,
aber das ist auf der Bewusstseinebene nicht unbedingt Gang und Gäbe.
Viele wollen einfach auch eine Eindeutigkeit, viele wollen einen klaren
Text oder Subtext erkennen, ob es im Tanz oder Theater ist oder auch im
klassischen Ballett. Da ist vielleicht der Schritt noch nicht passiert.
Auf der anderen Seite ist das Problem häufig auch ein Mangel an
Intention, zumindest auf das Mainstream-Publikum bezogen, seitens der
Tänzer, seitens der Tanzschaffenden. Die Richtung der Nachrichten, der
message, geht eher in Richtung der Kollegen und Eingeweihten. Wenn ich
einem Indonesier etwas auf Englisch erzähle, wird der das
wahrscheinlich nur schwer oder gar nicht verstehen können. Wenn ich mir
aber überlege, dass der Indonesisch spricht, dann muss ich mir entweder
ein Wörterbuch holen, oder ich muss eine andere Sprache finden. Ich
glaube so ist das in der Kommunikation zwischen Tanz und Publikum. Ich
muss wissen, wer da ist, individuell im Einzelnen, aber auch für
welches Publikum dieses Stück ist. An welchem Ort wird es gemacht, zu
welcher Uhrzeit, in welchem Land."
A.V.: "Es soll durchaus für ein Publikum sein, oder warum mache ich ein Tanzstück?"
J.B.: "Genau, für ein Publikum soll es sein, aber es gilt halt für wen
und warum zu fragen, was zumindest zu einer abstrakten Form führt. Der
Spielort ist häufig vorgegeben. Weil mir die Sophiensaele den Raum
geben, mache ich es dort, aber vielleicht kommt da gar nicht das
Publikum hin, was für mein Stück passt. Das sind ganz häufig
Sachzwänge, ich will das jetzt auch gar nicht einseitig kritisieren.
Vielleicht finde ich keinen anderen Ort und muss es dann da machen."
A.V.: "Ist es der Tanzszene wichtiger überhaupt etwas zu machen, als die Adresse richtig zu wählen?"
J.B.: " Das glaube ich in jedem Fall. Wie gesagt, das ist dann auch die
Not des Künstlers - das sehe ich auch für andere Kunstformen - den
Lebensunterhalt damit zu verdienen. Da kommen dann einfach so starke
Sachzwänge dazu, dass Kompromisse gemacht werden. Und nicht immer zum
Wohl der Kunst und nicht zum Wohl der Intention von Kunst."
A.V.: "Du unterrichtest auch. Was müsste ich als Schülerin bei dir als Erstes lernen?"
J.B.: "Auch hier wieder eine ganz grundsätzliche Offenheit, ohne die
weiter spezifisieren zu können. Eine Offenheit für primär natürlich das
Körperliche, aber auch für das Emotionale. Eine der fundamentalen
Sachen ist das Wohlempfinden im Körper, in welcher Verfassung der auch
immer steckt. Ein Akzeptieren des körperlichen Zustandes und die
Bereitschaft das Beste aus diesem Zustand zu machen. Etwas, das nicht
in eine Virtuosität hineingehen muss, überhaupt nicht, sondern zu
sehen, was sind meine Möglichkeiten, wie kann ich mich Wohlfühlen in
meinem Körper? Das ist, glaube ich, fundamental."
A.V.: "Wenn ich das aber gar nicht kann, wie soll ich das dann lernen?"
J.B.: "Ich glaube, du kannst es nur lernen, indem du etwas dafür tust.
Wenn eine ganz grundsätzliche Offenheit nicht da ist, dann wird es
natürlich schwierig, eindeutig. Wenn aber noch ein Fünkchen von
Offenheit da ist, ein Fünkchen von einer Bereitschaft, mir Zeit zu
geben - natürlich können Dinge lange dauern, es kann einen Durchbruch
nach der ersten Stunde geben, oder in der ersten Stunde, es kann aber
auch Monate dauern, bis man merkt, das bringt einem wirklich etwas. Ich
glaube es braucht eine grundlegende Investitionsbereitschaft. Und dann
zu sehen, die und die Übung tut mir gut, mich zum Beispiel auf dem
Boden rollen, oder es tut mir gut, meinen Arm hoch zu strecken, ich
wachse dabei, ich entdecke Sachen. Das hat sicherlich auch sehr viel
mit Entdeckerfreude, mit Neugierde, mit Entdecken an sich zu tun, sich
in einer Hinsicht wieder in einen kindlichen Zustand zurück zu holen,
wo die Neugierde der primäre Antrieb ist. Ich glaube, das ist für
Erwachsene wahnsinnig wichtig, weil das die Gehirnstrukturen wieder
öffnet und damit für die Lebensenergie überhaupt wieder neues Feuer
entsteht, auch weil ich Dinge wieder neu entdecke oder überhaupt
entdecke."
A.V.: "Bevor ich gleich noch mal auf die Mittel im Training zurückkomme; was heißt Neugierde öffnet Gehirnstrukturen?"
J.B.: "Das passiert natürlich in jedem Denkprozess, aber primär mit
jeder Bewegung, dass die neurologischen Verbindungen vom Muskel oder
vom Gelenk bis ins Gehirn Bahnen schaffen. Ich lerne mich so und so zu
bewegen, ich lerne eines Tages zu laufen, eines Tages Fahrrad zu fahren
und dadurch entstehen gewisse Bahnen. So ist das auch mit dem Denken
und auch sogar mit den emotionalen Komponenten. Die können sich
natürlich, wenn ich immer wieder auf die gleiche Art agiere, so
festsetzen, dass ich gar keine Ausweichmöglichkeiten mehr habe. Wie ein
Fluss, der sich ein Flussbett sucht und dann keine Nebenkanäle mehr
hat, weil das Hauptflussbett so stark wird, dass alles Wasser halt da
lang geht. Wenn ich aber Nebenkanäle schaffe, habe ich mehrere
Alternativen auf einmal, eine größere Freiheit zu agieren und auch zu
reagieren. Ich glaube das ist ein riesengroßes Potential, was der Tanz
hat: neue Alternativen zu schaffen, zu agieren, zu reagieren, um
adäquater sein zu können, je nach Situationsbezug nicht nur eine
Möglichkeit zu haben."
A.V.: "Mit welchen Mitteln lerne ich das bei dir? Was kommt da auf mich zu?"
J.B.: "Es kommt natürlich darauf an, in welche Klasse du kommst, ob es eine Technikklasse oder eine Kompositionsklasse ist."
A:V.: "Fangen wir mal mit der Technikklasse an."
J.B.: "Eine Technikklasse ist bei mir eigentlich immer eine Mischform.
Ich biete Strukturen an, die in der Regel so gewählt sind, dass sie
neue Strukturen sind für die Leute, die kommen, auch wenn sie schon
lange zu mir kommen, werden sie immer wieder neues Material vorfinden,
um ihre eigenen Strukturen anpassen zu müssen."
A.V.: "Meinst du Bewegungsstrukturen, richtige Schrittfolgen?"
J.B.: "Das können Schrittfolgen sein, das können aber auch Vorgaben
sein, die dann von den Teilnehmern selbst gewählt werden können, also
strukturierte Improvisation."
A.V.: "Zum Beispiel?"
J.B.: "Zum Beispiel können es Themen sein wie 'finde direkte Bewegungen
im Raum, forsche danach, was für dich direkte Bewegungen im Raum sind,
finde sie."
A.V.: "Ist nicht jede Bewegung direkt?"
J.B.: "Es gibt auch das Gegenteil, indirekte Bewegung im Raum. Zwei
Bilder: Direkte Bewegung kann sein, ich zeige mit meinem Zeigefinger
auf die rote Lampe rechts oben in der Ecke. Indirekte Bewegung kann
sein, ich habe keinen eindimensionalen Focus, mein Arm geht nicht in
diese Ecke, sondern ich nehme den Raum wahr und ich habe quasi überall
an meinem Körper Augen, zumindest figurativ, und bin bereit für jeden
Impuls, der da kommen mag aus dieser Ecke. Es ist ein bisschen so ein
Urzustand, Überlebenszustand auch. So wie eine Schlange im Urwald sich
aus jedem Baum schlängeln kann oder der Säbelzahntiger dich aus jeder
Ecke anspringen kann. Das schafft eine Omnipräsenz im Raum."
A.V.: "Ist der Unterschied ein bisschen wie der Unterschied
zwischen einer willentlich ausgeführten, willkürlichen Bewegung mit dem
Arm und dem Zeigefinger, und eher einer Reaktion auf das was kommt?"
J.B.: "Nein, es ist beides intendiert und fokussiert. Die
Zeigefingeraktion kann genauso bewusst und funktional intendiert sein.
Es kann sein, dass die Schlange von diesem Baum kommt oder von dem, so
dass ich meinen Zeigefinger dem entgegenstrecke oder ich meinem Freund,
der an meiner Seite geht, die Schlange zeige oder den Vogel, der da
vorbei fliegt. Es gibt ja auch das nicht räumlich fokussierte Tanzen.
Dann liegt der Fokus auf etwas Anderem, zum Beispiel auf dem Gewicht
und dann habe ich mit dem Raum gar nicht viel zu tun. Natürlich bewege
ich mich als dreidimensionales Wesen immer im Raum, aber mein Fokus
muss da nicht sein. Es kann sein, dass mein Fokus tagelang nur auf dem
Gewicht liegt. Wenn mein primärer Fokus nicht im Raum liegt, kann es
sein, dass ich mit dem Raum nicht bewusst und aktiv interagiere, und
dann liegt mein Fokus vielleicht auf dem Gewicht oder dem Fluss oder
auf der Zeit, der zeitlichen Komponente, plötzliche Bewegungen zu
machen oder Allmähliche. All das sind dann Register, die ich ziehen
kann als Tänzer. Wie ich auch in der Musik die Tonlagen wähle oder eine
Lautstärke oder ich Pausen setze."
A.V.: "Das war eine Frage nach einer Technikklasse. Für mich hörte
sich das aber so an, als müsste ich improvisieren, weil ich eine
Aufgabe bekomme, die so weit gefasst ist."
J.B.: "Die Frage ist immer, was ist Technik. Für mich ist Technik nie
nur ein Nachahmen von Bewegungsmustern. Technik ist auch, als Tänzer
denken und fühlen zu lernen, das ist Handwerkszeug. In meinen
Tanzklassen findet sich immer auch solcherlei Technik, es ist auf jeden
Fall immer ein Teil davon."
A.V.: "Ich muss gar nicht erst 10 Liegestütze machen und 20 Kniebeugen oder so, um das zu lernen? Das kommt dann von allein?"
J.B.: "Auch wenn ich Bewegungsfolgen unterrichte ist dieses andere
Wissen, was ich über den Tanz habe im Hintergrund. Es ist nur die
Frage, ob ich das verbalisiere, lasse ich Strukturen offen oder gebe
ich Strukturen? Das ist situationsbedingt und sicherlich auch eine
Frage, die Balance zu finden. Dem Einen fällt das schwerer, dem Anderen
etwas Anderes. Es ist, denke ich, aber wichtig, all diese Faktoren
miteinander zu vermitteln oder den Menschen das nahe zu bringen, das
anzubieten. Ich glaube auch nicht, dass es so ist, dass ich der Lehrer
bin, der alles vermittelt, der alles zeigt, weil nur ein guter
Unterricht entstehen kann, wenn ich selbst auch Fragen habe und mit
forsche, auch in dem Moment mit forsche. Natürlich meine Erfahrungen
einbringe und dadurch einen gewissen Rahmen gebe und auch bestimmte
spezifische Informationen anbiete, aber letztlich muss der
Entdeckergeist auch im Lehrer da sein. In einer Improvisationsklasse
ist es ähnlich. Ich finde auch die ganz rigide Trennung schwierig, weil
beides fruchtbare Dinge sind. Auch in einer Improvisationsklasse finde
ich es nicht abwegig, am Anfang ein festgelegtes warm up in Form einer
Struktur zu machen. Was sicherlich seltener vorkommt, aber es kann
sinnvoll sein, aus einer Struktur heraus in die Freiheit zu gehen."
A.V.: "Und Komposition?"
J.B.: "Komposition ist bei mir eigentlich auch so, dass ich aus der
Improvisation heraus in die Komposition gehe. In meinen Klassen auch,
weil ich so arbeite. Aber auch da gibt es natürlich endlos viele
Möglichkeiten. Ich kann auch abstrakt arbeiten und aus der Vorstellung
heraus oder aus einem vorher gefertigten Muster. Ich kann die Bewegung
niederschreiben, bevor ich sie ausführe. Das ist eine Frage des
Akzentes, des Fokus. Was will ich in dieser Klasse machen? Was will ich
anbieten, wer ist da, wer kommt, wie viel hat er schon bei mir gemacht?
Wie viel bei anderen Lehrern? Komposition ist ein superweites Feld."
A.V.: "Um zu wissen, was ich bei dir lernen kann, sollte ich dir da einfach eine Weile beim Tanzen zuschauen?"
J.B.: "Oder in meine Klasse kommen. Zuschauen ist natürlich gut, klar,
du wirst eine Menge sehen, besonders du, weil du ein geschultes Auge
hast, aber da wird natürlich nichts verbalisiert werden von dem, was
ich tue und in sofern fehlt dieses Medium dann."
A.V.: "Wenn ich jetzt immer das gleiche Problem habe, zum Beispiel
kann ich keine Drehungen. Würde ich das bei dir lernen können und wäre
das dann ein technisches Element?"
J.B.: "Das muss man herausfinden. Ich glaube, Drehungen nicht machen zu
können wird wahrscheinlich zu 80% oder 90% physische Problematiken oder
Aufgaben stellen - das ist ja kein Problem, nur dann, wenn man es zum
Problem macht. Es kann aber auch sein, dass da etwas Emotionales mit
rein spielt. Vielleicht ist die Person gar nicht bereit dazu, will das
nicht, und da muss man dann gucken, wo sind die Mittel auch bei der
Person. Vielleicht muss er an seiner Fußarbeit arbeiten, jemand anderer
an der Kopfarbeit - das muss man dann sehen. Dazu ist der Unterricht
auch da, dass der Lehrer dann auch sieht, wo liegt bei dem speziellen
Schüler die Aufgabenstellung, an was kann er arbeiten? An welchen
Körperverbindungen, an welchem Detail? Es geht da oft auch um die
Verbindungen, sprich: wenn der Fuß den Kopf nicht verankern kann."
A.V.. "Also ist dein Unterricht für dich als auch für die Schüler
eher eine Art Forschungslabor, wo man sich die ganze Zeit mit sich und
der Aufgabenstellung konfrontiert und guckt, wo der eigene Weg ist und
nicht so sehr ein Unterricht, in dem ich bestimmte Technik in dem Sinne lerne, dass ich
bestimmte Bewegungen erlerne?"
J.B.: "Es gibt natürlich bestimmte Grundprinzipien die vielleicht eine
Technik sind, die vermittelt werden im Unterricht, aber es ist, denke
ich, immer individuell. Vielleicht unterscheidet das, das ist zumindest
meine Auffassung, den zeitgenössischen Tanz von den eher formaleren
Tanzformen."
A.V.: "Was ist Tanz?"
J.B.: "Tanz ist der Ausdruck des Inneren im Körperlichen."
A.V.: "Vielen Dank."
Fotos: Ingmar Wengel